Die verunsicherte Miss B

Mein erstes Modell! 🙂 Da war ich wohl mindestens so nervös wie sie, als ich meine Kamera auf sie richtete und ihre schönen Formen einfing. Schon, während sie sich langsam enthüllte und ich meine Kamera und Utensilien vorbereitete, fühlten wir uns beide ein bisschen verloren und angespannt. Als ich sie dann betrachtete, spürte ich, dass sie von mir Anleitung erwartete, dass sie meine Inspiration wollte und exakte Befehle, was sie tun sollte.

Na ja, ich hatte ja genau das auch vor. Denn ich hatte mich auf dieses erste Shooting so lange vorbereitet, hatte dutzende Ideen im Kopf, Vorstellungen von Positionen und Mimik und Gestik und Anzüglichkeiten, die ich selber erotisch fand und die ich mit ihr ausprobieren wollte. Aber jetzt, als es wirklich losging, gelang mir davon plötzlich einfach nichts. Schon allein das, was ich von ihr wollte, in Worte zu fassen oder sie so hinzustellen, dass es meinen Ideen entsprach, war fast ein hoffnungsloses Unterfangen… wenn es nicht auch ein bisschen komisch gewesen wäre.

Ich hatte ziemlich diffuse Bilder im Kopf, wie erotische Bilder aussehen sollten und habe versucht, diese ohne Umwege umzusetzen, anstatt flexibler zu sein und mich der Situation anzupassen, zu improvisieren. Als ich merkte, dass meine Versuche fehlschlugen, meine Fantasien mit ihr live zu reproduzieren, blieb mir nichts anderes übrig, als das aufzugeben und mich allein auf die Kreativität meines Modells verlassen. Diese spontane Reaktion war ein etwas seltsamer Entschluss, denn mein Modell hatte ebenso viel Erfahrung mit dieser Situation wie ich – nämlich gar keine.
Als sie dann vor dem schwarzen Hintergrund stand und ich ihr Portrait schoss, sah ich ihren lächelnd verführerischen Gesichtsausdruck verschwinden und das blies mir den letzten Kerzenschimmer der Hoffnung aus, dieses Shooting mit Erfolg und einem Haufen erregender Fotos hinter mich zu bringen.
Zur Erholung brauchte dann fast eine Woche, in der ich die Bilder nicht mal anschaute. Als ich es dann doch tat und mich an die Nachbearbeitung am Computer machte, passierte es. Ich konnte meinen Augen kaum glauben! Mit nur einigen wenigen Standard-Bearbeitungen (Kontrast, Weissabgleich, Vignette, Schwarzweiss-Umwandlung und sehr wenig Hauttönung) wurde aus den vermeintlich missratenen Aufnahmen etwas ganz Erstaunliches. Ich realisierte plötzlich; das dass, was ich für Nachteile gehalten hatte, eigentlich der Vorteil dieser Bilder war – allerdings auf ganze andere Weise, als ich erwartet hatte.

Denn was ich da fotografiert hatte, hatte etwas sehr Ungewöhnliches, Empfindliches und Provozierendes, geradewegen der Unsicherheit meines Modells. Genau dann, wenn sie nicht verführerisch lächelte, sondern mit einem gewissen Unbehagen, ja sogar Ängstlichkeit in die offene Linse der Kamera starrte, gab ihr Mangel an Erfahrung mit Aktfotografie den Bildern eine verblüffende Direktheit. Sie wirkte nicht nur ehrlich, sondern aufregend in ihrer völlig unverstellten Schönheit, die vielleicht erst dadurch aufschien, weil wir beide nicht wussten, wie wir sie professionell zur Geltung bringen sollten.


In den Anzeigen der Modemagazine werden Frauen immer als von sich selbst überzeugte, vollkommen emanzipierte, starke Wesen dargestellt, Heldinnen der Schönheitsindustrie. Dagegen herrscht in Männermagazinen noch immer eher das archaische Klischee, dass Frauen allein als Sexsymbole darstellt. Werbung richtet sich immer nach dem Bedürfnis des jeweiligen Bezugsgeschlechts, denn sie will ja nicht das Modell, sondern mit dem Modell ein Produkt verkaufen. Ich glaube nicht, dass die Bilder von Miss B in dieser beiden Kategorien von Rollenmodellen fallen. Sie zeigen einfach nur sie selbst. Diese Fotos reflektieren, wie sich ihre eigene Persönlichkeit verschleiert, entblösst, hinter einem fragenden Blick versteckt oder mit einem entwaffnenden Lachen öffnet. Da sind alle die Gefühle des Individuums, das sie wirklich in diesem Augenblick der Nacktheit war – und dies, obwohl wir alles versucht haben, sie in richtig verruchte Pose zu setzen.

Sie fand das Ergebnis übrigens auch sensationell. Sie hat mir später gesagt, dass es eine faszinierende Erfahrung für sie war, diese anderen, verborgenen Seiten ihrer selbst zu entdecken, welche sie bis dahin nicht kannte.

Boudoir-Fotografie ist etwas ausgesprochen Persönliches. Es ist nicht (nur) der Körper, sondern vor allem die Persönlichkeit der Frau, die hier Modell steht. Es ist auch nicht (nur) der Körper, der hier ausgezogen wird, sondern die weibliche Gefühlswelt, die es in einer künstlerischen, ästhetischen und klischeefreien Art zu entdecken gilt. Boudoir-Fotografie ist damit fantasie- und anspruchsvoll; niemals oberflächlich oder geschmacklos. Das macht sie für mich so spannend.

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